Der Rheintaler
Regionen | Rheintal | Mittwoch, 30. Juli 2003

Über Cannabis-Konsum offen reden

Das Haschischrauchen beschäftigt die Widnauer Jugendkommission derzeit besonders. Juko-Präsidentin und Gemeinderätin Marlen Hasler hält vor allem den Kontakt zu Eltern für wichtig.

Frau Hasler, was halten Sie von einer Straffreiheit für Haschisch-Konsumierende?

Marlen Hasler: Ich bin zunehmend hin- und hergerissen. Vor drei Jahren hätte ich mich noch klar für Straffreiheit ausgesprochen, doch inzwischen bin ich nicht mehr sicher, ob das gut ist.

Warum nicht?

Hasler: Haschisch ist zwar sicher keine besonders schlimme Droge, aber unbedenklich ist das Kiffen eben auch nicht. Cannabis kann psychische Probleme verstärken und bei regelmässigem Konsum träge und lustlos machen.

Es ist eine Realität, dass viele Jugendliche kiffen - und dies, obschon der Konsum ja verboten ist.

Hasler: Auch darum bin ich hin- und hergerissen. Die Frage, ob eine Bestrafung des Konsums noch zeitgemäss ist, stellt sich natürlich. Ginge es nur darum, das Kiffen ab 18 Jahren zuzulassen, könnte ich mich nach wie vor zu einem Ja durchringen. Leider konsumieren aber auch sehr viele jüngere Menschen Cannabis. Wäre für sie eine Straffreiheit für Konsumierende nicht ein falsches Signal? Ein solcher Schritt birgt die Gefahr, dass noch viel mehr gekifft wird.

Was meinen Sie: Wie verbreitet ist das Haschischrauchen unter Jugendlichen?

Hasler: Sicher sehr verbreitet, und dies leider schon bei Oberstufenschülern. Vereinzelt gibt es sogar noch Jüngere, die kif-fen.

Ich nehme an, die Jugendlichen machen daraus kein Geheimnis.

Hasler: Nein, die etwas Älteren reden offen darüber. Ich habe erlebt, dass Jugendliche ungeniert an einer öffentlichen Veranstaltung Haschisch geraucht haben, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. Ich halte es auch für ein Problem, dass sich vielleicht die meisten Jugendlichen gar nicht mehr bewusst sind, dass das Kiffen eigentlich verboten ist.

Hand aufs Herz: Haben Sie auch schon probiert?

Hasler: Nein, aber nicht, weil ich das schlecht fände. Dass ich irgendwann vielleicht doch noch probiere, ist nicht ausgeschlossen.

Sie haben eine 20-jährige Tochter und einen 18-jährigen Sohn. Ist das Kiffen in Ihrer Familie ein Thema oder ein Thema gewesen?

Hasler: Ja, wir haben immer offen über Cannabis-Konsum geredet. Ich finde es grundsätzlich falsch, davor die Augen zu verschliessen.

Lassen wir dahingestellt, ob Ihre Kinder kifften oder kiffen, aber gehen wir mal davon aus, es sei so: Wie ist oder wäre das für Sie als Mutter?

Hasler: Obschon ich mich schon vor sechs Jahren, bei meinem Start als Jugendbeauftragte, intensiv mit dem Thema befasst habe, bleibt eine gewisse Unsicherheit. Es mag zwar widersinnig sein, aber kommt ein 17-Jähriger betrunken nach Hause, beunruhigt das tendenziell nicht ganz so sehr wie wenn er völlig bekifft daheim eintrifft. Alkohol ist eine Droge, die wir alle kennen, und Betrunkenheit ist ein gesellschaftlich eher akzeptierter Zustand. Mit Cannabis ist nicht zuletzt die Angst verbunden, ob nicht der Konsum härterer Drogen folgt. Wer harte Drogen konsumiert, der hat in aller Regel vorher schon gekifft.

Wer kifft, der hat in aller Regel vorher schon geraucht...

Hasler: Da haben Sie natürlich Recht. Ich bin mir auch durchaus bewusst, dass zum Glück eine sehr deutliche Mehrheit der Kiffenden nicht irgendwann zu harten Drogen greift.

Liegt Ihnen als Präsidentin der Jugendkommission daran, mit Jugendlichen, die Haschisch rauchen, ins Gespräch zu kommen?

Hasler: Mehr beschäftigt mich die Frage, wie sich betroffene Eltern unterstützen lassen. Sie sollen sehen, dass sie nicht alleine sind mit dem Problem. Als Idee schwebt mir so etwas wie ein Stammtisch oder ein Treff für Eltern oder Mütter vor. Der regelmässige Gedankenaustausch wäre natürlich nicht auf Suchtprobleme beschränkt, sondern könnte generell als Orientierungshilfe dienen.

Ist auch eine Veranstaltung mit Jugendlichen zum Thema Cannabis geplant?

Hasler: Darauf verzichten wir bewusst.

Sind Sie ernüchtert, weil die im Internet lancierte Diskussion nie in Schwung kam? Im Gästebuch der Homepage www.jugendinfo-widnau.ch ist ja nur ein einziger Beitrag eines Jugendlichen zu finden.

Hasler: Mich überrascht das nicht wirklich. Die kiffenden Jugendlichen finden eine Diskussion übers Kiffen naturgemäss nicht nötig. Nicht sie halten das Kiffen für ein Problem, sondern wir Erwachsenen. Insofern verkäme eine Veranstaltung mit Jugendlichen zu einer Alibi-Übung, und auf eine solche wollen wir verzichten. Uns geht es wie gesagt darum, die Eltern zu erreichen. Mit ihnen offen und unverkrampft über das Kiffen zu reden, Hilfestellung zu bieten und den Rücken zu stärken ist unser Hauptanliegen.

  Interview: Gert Bruderer

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